„Spatiaux“
„Mein erstes räumliches Werk stammt aus dem Jahr 1961. Eigentlich war es zunächst eine Collage-Reliefarbeit. Ich hatte es mit kleinen beweglichen Seitenwänden gestaltet und zeigte es Honegger. Er war sofort begeistert von dieser Sache, nahm sie mit und brachte sie mir auf einem kleinen Sockel montiert wieder zurück.“ (1)
Ein „Spatial“ ist eine Konstruktion im Raum, das Modell einer Skulptur, eine Form der „konstruktiven Abstraktion“ – eine abstrakte Skulptur, die den Raum öffnet und die Vorstellungskraft des Betrachters anregt.
Daniel Abadie schreibt hierzu:
„… das gesamte Bild wird zum Relief; jedes Element trägt nicht mehr nur zur Animation, sondern zur Erschaffung der Oberfläche bei: Farben, Reliefs, die Artikulation der Ebenen untereinander – alles wirkt zusammen, um den Begriff des Hintergrunds aufzuheben, der der bemalten Leinwand inhärent ist. Die Arbeit der Künstlerin ist nichts anderes als eine intensive Spekulation über alle Formen, Positionen, Schatten, Interaktionen sowie über die vorhersehbare Bewegung des Betrachters… So offenbaren diese Signal-Werke ihre tiefe Verwandtschaft mit der Architektur und ihr geheimes Ziel: die individuelle Kunst zu überwinden, sich der Stadt zu öffnen, einen Raum zu erfinden und ihn bewohnbar zu machen.“ (2)
Zwei der „Spatiaux“ von Marcelle Cahn wurden noch zu Lebzeiten der Künstlerin als Großskulpturen im Rahmen des Kunst-am-Bau-Programms („1% artistique“) für öffentliche Einrichtungen realisiert, unter Mitwirkung von Gottfried Honegger und Serge Lemoine.
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H.: 1,62 m; L.: 3,17 m; T.: 1,67 m (ohne Sockel). Realisiert 1976.
Collège Le Parc in Dijon.
Diese abstrakte Skulptur ist eine Gruppierung von vier Konstruktionen aus unregelmäßigen Bildebenen, die von einer Kugel begleitet werden. Diese Ebenen sind vertikal angeordnet oder in einem Winkel von 45° zur Horizontalen platziert und rechtwinklig miteinander verbunden. Ihr äußerst abwechslungsreicher Zuschnitt erschwert jedoch eine einfache visuelle Erfassung. Diese dicht beieinander stehenden, gleichsam wie eine Familie gruppierten Formen ergänzen sich, stehen im Kontrast und harmonieren miteinander. Dadurch erzeugen sie eine Vielzahl virtueller Volumina und strukturieren den Raum in alle Richtungen.
Serge Lemoine zugeschriebener Text
H.: 2,50 m; L.: 2,30 m; T.: 0,35 m. Realisiert 1976.
Collège Paul Fort in Is-sur-Tille (Côte-d’Or).
„Die Skulptur Spatial C besteht aus einer vertikal aufgestellten, rechteckigen Ebene mit abgeschnittenen Ecken, deren Erscheinungsbild aus dem Falten und Ausschneiden ihrer Oberfläche resultiert. Trotz der frontalen Ausrichtung, die ihr die Form eines Paravents verleiht, übt diese Skulptur einen starken Einfluss auf ihre Umgebung aus und bietet durch die Gliederung der Flächen und die darin eingelassenen Öffnungen eine echte Strukturierung des Raumes… Die glatte, weiße Beschaffenheit dieser Oberflächen, ihre unterschiedliche Ausrichtung, die erhabenen Kreise und die in die Ebenen eingearbeiteten Öffnungen lenken das Licht auf subtile Weise und bieten eine enorme Vielfalt an Tonwerten. Dieses Werk ist die erste architektonische Großkonstruktion, deren Realisierung Marcelle Cahn im Alter von 81 Jahren endlich miterleben durfte…“
Serge Lemoine zugeschriebener Text
(1) Autobiografischer Bericht von Marcelle Cahn, veröffentlicht im Katalog von 1972 anlässlich der vom Centre National d’Art Contemporain organisierten Wanderausstellung über ihr Werk.
(2) „Les espaces de Marcelle Cahn“ im Katalog zur Wanderausstellung der Werke von Marcelle Cahn, herausgegeben vom Musée des Beaux-Arts in Dijon, 1972.